Ein Plädoyer für 2015: Das Jahr der Laizität und Religionsfreiheit

Anstatt guter Vorsätze für das neue Jahr sollen im Folgenden einige Punkte in Erinnerung gerufen werden, die vielleicht die Arbeit politischer Laizität argumentativ bereichern und einen Einstieg in  Themen anbietet, die 2015 akut werden. Neben den Debatten zur Regelung der Sterbehilfe gehören hierzu nach wie vor das Arbeitsrecht, die religionskundliche Bildung und der Umgang mit Minderheitsreligionen. Konkret wird die Finanzierung religiöser Events wie den Kirchentagen und der Gestaltung des Reformationsjubiläums alle Laizistinnen und Laizisten innerhalb wie im Dunstkreis der SPD beschäftigen. Es gilt nicht weniger und nicht mehr, als sich für eine freie, gerechte und möglichst faire Religions- wie Weltanschauungspolitik einzusetzen. Dies mit Amt und Mandat, innerhalb der parteilichen oder politischen Gliederungen und nicht zuletzt als interessierte Bürgerin oder Bürger.

Das elfte Gebot

Selbstbestimmt Sterben – Jusos Kiel

Laizistische Sozis – Sterbehilfe

Die nur teilweise weltanschaulich motivierten Demonstrationen der Pegida und anderen Gruppen machen deutlich, dass es wichtig ist den Angstmachern und Demagogen entschlossen entgegen zu treten. Wer von einer „Islamisierung des Abendlandes“ spricht, hat weder etwas von einer Trennung von politischem und religiösen Islam verstanden,noch davon, dass es „das Abendland“ nie gegeben hat. Es spricht für ein gefährliches Denken, welches Politik zu einem Sammelsurium an Ängsten und Parolen herabstuft.

Laizistinnen und Laizisten brauchen hier nicht wortlos in der Ecke zu stehen, sondern können sich für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, humanistische und säkulare Ziele, liberale Religion und eine aufgeklärte wie pragmatische Politik einsetzen. Die größten Argumente die Laizität anzubieten hat sind dabei die individuelle und die kollektive Religionsfreiheit, die es zu erreichen wie zu bewahren gleichermaßen gilt. Bestimmte Religionsgemeinschaften genießen immer noch Privilegien, die nicht den aktuellen Verhältnissen in der Gesellschaft entsprechen. Antireligiöse Propaganda sollte nicht Phobien, Fremdenhass und soziale Konflikte schüren.

„Die Zukunft ist offen“ ist ein Credo, welches die aufgeklärte Laizität zur Gestaltung einer Religionspolitik einsetzen kann, die sich vor allem an der Freiheit des Individuums orientiert und diese fördert.

Individuelle Religionsfreiheit fördern

Die religiöse und weltanschauliche Gewissens- oder Überzeugungsfreiheit ist für Laizistinnen und Laizisten ein hohes Gut. Erst wenn staatliche Privilegierung oder Bevormundung faktisch nicht bestehen und eine möglichst freie Wahl der moralischen Orientierung ermöglicht wird, kann von einer theoretischen wie praktischen Religionsfreiheit die Rede sein. Eine kollektive Religionsfreiheit kann sich deshalb immer nur nach der individuellen ausrichten und ist dieser untergeordnet. Schließlich sollten weder der Staat noch politische Strukturen darüber bestimmen, ob Jemand sein Leben und Handeln nach transzendenten Mächten, wissenschaftlichen Expertisen oder gar humanistischen Philosophien gestaltet. Laizismus geht von einem freien Individuum aus, das unter der größtmöglichen religiösen wie weltanschaulichen Bildung seine Überzeugung frei wählen kann. Diese individuelle Wahl ist weder endgültig noch einer bestimmten Vorstellung von absoluten Begründungen unterworfen. Schließlich kann ein Individuum durchaus Elemente aus mehreren religiösen, szientistischen oder humanistischen Traditionen miteinander verbinden oder sich umorientieren. Wer zu Beginn seines Lebens Atheist war, kann in der Mitte seines Lebens evangelikaler Christ werden und zum Ende seines Lebens hin agnostischer Buddhist, Protestant oder überzeugter Humanist. Religionen und Weltanschauungen, welche diese individuelle Religionsfreiheit im Besonderen zu ihrer Voraussetzung machen und nicht nur als ein schmückendes Beiwerk betrachten, oder einen gesellschaftlichen Kompromiss formulieren, sind gut mit laizistischer Politik zu vereinbaren. Letzten Endes sollte ein freies, selbstbestimmtes Individuum auch aus Sicht von Religionen und Weltanschauungen den besten aller möglichen Anhänger darstellen.

Natürlich sind diese prinzipiellen Orientierungen Ideale, die oft hinter den tatsächlichen Möglichkeiten selbst innerhalb demokratischer Gesellschaften und den faktischen wie organisatorischen Strukturen der Religionen und Weltanschauungen zurückbleiben. Wie frei ist der Mensch wirklich in seinen Entscheidungen und wenn er die Wahl hat, weiß er diese auch einzuschätzen? Eine aufgeklärte Laizität kann hier nur die politischen Rahmenbedingungen schaffen, aber dem Einzelnen nicht die Verantwortung abnehmen, sich hier für eine, mehrere oder vermeintlich keine Orientierung zu entscheiden. Gibt es jedoch Zwecke wie die einer wissenschaftlichen Ausrichtung, einer staatsbürgerlichen Normativität oder gar dem Glauben an eine säkulare Religion, deren eine individuelle Religionsfreiheit untergeordnet wird, verliert Laizität einen Teil ihrer Selbstbegründung. Erst durch die Förderung der individuellen Religions- und Gewissensfreiheit auf allen politischen Ebenen kommt Laizität ihren Zielen näher für freie, gleiche und nicht zuletzt gerechte Verhältnisse in Bezug auf Religionen und Weltanschauungen zu sorgen.

Kollektive Religionsfreiheit ohne Privilegierung der Traditionen

Auf die individuelle Religionsfreiheit muss zwingend auch die kollektive erfolgen, da sich immer wieder Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen zu Gruppen und Gemeinschaften zusammenschließen. Aus Sicht einer aufgeklärten Laizität ist dies immer dann möglich, wenn die Selbstverständnisse dieser kollektiven Religionsgemeinschaften die individuelle Gestaltung der Religions- und Gewissensfreiheit zulassen, befördern oder sogar als Bestandteil ihrer eigenen Legitimation betrachten. Mit Blick auf die vielfältigen Traditionen, neuere religiöse Bewegungen und humanistischen Gruppen wie Gemeinschaften wäre es vermessen eine ideale Struktur- oder Organisationsform anzunehmen. Es gibt weder eine Garantie dafür, dass eine bestimmte Dauer eines religiösen oder weltanschaliches Kollektivs religiöse Freiheiten garantiert, noch das gerade die Beständigkeit einer Tradition Unterdrückung und religiöse Unfreiheit befördert. Auch die Grade der Organisation, die Zentralisierung und Hierarchisierung von Lehre, Verwaltung oder Organisation sprechen weder für noch gegen eine höheres Maß an Freiheit. Viel eher kann eine dauernde Zusammenarbeit zwischen politischen, staatlichen und religionsbezogenen Eliten dazu führen, dass bestimmte Modelle religiöser Organisation zu allgemeingültigen Formen von Religionen erhoben werden. Ein „Inkorporationsregime“ droht zu entstehen, an dem sich jüngere oder Kollektive aus anderen Kulturregionen messen lassen müssen. Beispielsweise wird die Struktur und Organisationsform der christlichen Großkirchen zur Norm für Ämter und Behörden. Dies nicht zuletzt, da die juristischen und politischen Fachmenschen selbst mit diesen Formen von Religion sozialisiert wurden oder nicht über die nötige Bildung wie Ausbildung verfügen, um alternative oder andere Formen religiöser wie weltanschaulicher Kollektive zu beurteilen. Hier sollte eine aufgeklärte Laizität ansetzen, damit gleiche Rechte für alle bestehen und ein säkularer Staat als Mediator und Moderator auftreten kann.

Es darf nicht sein, dass ein religiöses oder weltanschauliches Kollektiv Teile seiner Freiheit einzubüßen hat, bloß weil es nicht einem Kirchenmodell folgt, oder bestimmte christozentrische Begriffe wie „Dogmen“ oder „Konfession“ nicht kennt. Was auf dem Boden von Verfassung und Gesetzen entsteht und die Menschenrechte achtet, ist erst einmal nichts weiter als ein Zusammenschluss freier Individuen, die sich als Buddhisten, Christen oder gar Pastafari zusammentun, um ihre Überzeugungen auszuüben. Ausgehend von einer individuellen Religionsfreiheit begründet sich somit die kollektive Religionsfreiheit aus laizistischer Perspektive als ein politischer Gestaltungsraum für religiöse und weltanschauliche Vergemeinschaftung.

Diese kann ebenso darin bestehen sich von religiöser Orientierung loszusagen und säkulare oder humanistische Orientierungen zu verfolgen. Laizität sollte sich gerade hier immer gegen die „Gleichheit in den Privilegien“ wenden und für eine faire wie gleichberechtigte Beteiligung aller religiösen und weltanschaulichen Kollektive einsetzen.

Laizität ist sozialdemokratische Religionspolitik für die „offene Zukunft“

Wie schon das Hamburger Programm der SPD betont, ist die Zukunft offen. Es ist nicht gesagt, dass bekannte Formen religiöser und säkularer Orientierungen bis in alle Ewigkeit existieren. Aufgeklärte Laizität sollte weder mit der Entzauberung der Welt noch der Wiederverzauberung gemeinsame Sache machen. Vielmehr ist anzuerkennen, dass liberale, soziale und demokratische Entwicklungen von Gesellschaften zu einem mehr an Freiheit beitragen, die wiederum mehr religiöse und weltanschauliche Vielfalt bedeutet. Die Laizistin und der Laizist des 21. Jahrhunderts sehen in diesen Entwicklungen eine Herausforderung, um für die politischen Verhältnisse zu kämpfen, die es religiösen und säkularen Orientierungen ermöglichen zu einer friedlichen bis anerkennenden Existenz zu finden. Wir wissen weder ob Gott tot ist, noch ob die alten Götter wieder auferstehen. Die Wissenschaft wird vielleicht noch an Bedeutung gewinnen und noch längst sind nicht alle spirituellen und humanistischen Möglichkeiten erschöpft. Vielfalt ist eine Chance, die der aufgeklärte Laizismus als Modus des politischen Regierens zu nutzen weiß. Es ist ein weiterer Schritt sozialdemokratischer Politik sich für kluge, gerechte und nicht zuletzt freie Möglichkeiten hinsichtlich Religionen und Weltanschauungen einzusetzen, statt bestehende Verhältnisse für die Ultima Ratio zu nehmen.

„Die Zukunft ist offen“ und auf ein 2015, das mehr Laizität wagt!

 

 

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