Laizität – von der „säkularen Option“ zur sozialliberalen Position

Laizität als politisches Prinzip kann verschiedene Ausprägungen haben, oder wie es der kanadische Philosoph Charles Taylor umschreibt, verschiedene Regime der Laizität bedeuten. Er spricht bezüglich einer Laizität, welche die strikte Trennung von Politik und Religion sowie Kirche und Staat betreibt, von einem republikanischen Regime. Diesem stellt er eine Laizität gegenüber, die gerade das Mittel einer Trennung von Politik und Religion nicht zum Zweck erhebt. Vielmehr braucht eine positive Laizität auch positive Gründe, die ihre Verfechter anbringen können, um für die Idee einer Differenzierung von Politik und Religion zu werben (Taylor/ Maclure 2011, 39-48).

Taylors liberal-pluralistische Laizität stellt ein Regime der Laizität dar, welches der Religion ihre Bedeutung für den Einzelnen und vor allem die Bedeutung des Einzelnen für Religion viel Raum lässt, jedoch ebenso die Negation von Religion aufwertet. Für Taylor ist die „Gewissensfreiheit“ eine menschliche Möglichkeit die je eigene Überzeugung frei zu wählen, ohne einem Zwang zu unterliegen, eine tradierte Religion oder Säkularität zu pflegen (Taylor/Maclure 2011, 31-33). Diese Möglichkeit der Wahl seiner eigenen Überzeugungen, stellt wiederum die Laizität auf eine gewisse Probe. Möchte sie sich als Befreiungsbewegung verstehen, büßt sie nach der taylor’schen Lesart ein Emanzipationaspekt ein. Schließlich ist eine religionsfreie Laizität, die keine Freiheit von der Religion mehr behaupten möchte, nicht mehr die alleinige Option, welche dem säkularen Menschen in modernen Gesellschaften offensteht.

Hier liegt jedoch auch die Chance, dass eine liberale Laizität nicht nur die Freiheit von Religion, sondern ebenso die Freiheit für Religion, für eine eigene Überzeugung, für ein eigenes „Gewissen“ bedeutet. Dieses Moment der positiven Wahlfreiheit, die ihre negative Seite der Ablehnung von Religion, Überzeugung und „Gewissen“ mit einschliesst, könnte ein wesentlicher Aspekt eines zukunftsfähigen Verständnisses von Laizität sein.

Der emanzipatorische Aspekt der Laizität geht nicht verloren, indem die Säkularisierung als Prozess der Befreiung von Religion und einer Überwindung von Tradition wie Organisation einer den Menschen beschränkenden Form von Religiosität aufgegeben wird. Er kann vielmehr verloren gehen, wenn aus dem Gedankengut der Aufklärung, der politischen Folgen der französischen Revolution und dem Konkurrenzmodell der „säkularen Option“ (Joas 2013, 261-264) eine alternativlose Ideologie gemacht wird.

Ebenso wie die Apologeten der Religion diese zu einem unverzichtbaren Bestandteil moderner Gesellschaften verklären möchten, um sozialen Zusammenhalt zu suggerieren, Pluralität zu bekäpfen oder eigene Interessen zu verfolgen, können auch die Agenten der Laizität ihre eigentlichen Zwecke aus den Augen verlieren. Der liberale Aspekt der Laizität, der in dem Zweck der Religionsfreheit seine ideale Fassung erhält, verhindert diese ideologische Einengung auf republikanische Regime.

Das liberale Prinzip der Laizität

Eine liberale Laizität gründet auf der Annahme, dass Menschen ihre eigene Religion und Weltanschauung wählen können, auf der ihre Überzeugungen, ihr e „Gewissen“ ruhen. Der Staat und damit auch die Politik als Verwalter und Repräsentant staatlicher Macht, können sich nicht zum Richter oder gar Henker über die Religion, die Überzeugung und das Gewissen des Einzelnen erheben. Es ist weder eindeutig und letztlich entscheidbar, ob ein Leben ohne normative Religion sinnvoller oder gar glücklicher verläuft, als ein Leben, das sich auf säkularen Vorstellungen und Prinzipien beruft. Es ist weder eindeutig und letztlich entscheidbar, ob eine tradierte, sich schon organisatorisch gefestigte Religions- und Weltanschauungsform richtig ist, oder gar neue Formen von Religiosität und Spiritualität den Weg des Menschen zu einem besseren machen.

Gleich ob Animismus, Spiritismus, Humanismus, Deismus oder Theismus, gleich ob Islam, Buddhismus, Hinduismus, Katholizität, Reformation, Ufo-Religion oder Ahnenkult, jede Form von Religion und Überzeugung ist in dem Sinne frei wie wählbar. Die Voraussetzung für die Freiheit von und für Religion, ist eine solche Pluralität der Überzeugungen oder ein Kosmos der Religionen. Die emanzipatorische Voraussetzung für diese Freiheit der Wahl, ist gerade die Pluralität, die Möglichkeit eine Wahl zu haben und diese nach bestem Wissen und Gewissen vornehmen zu können.

Aus diesem Grund wendet die Laizität das Mittel der Trennung, der Betonung der Differenz von Politik und Religion sowie Staat und Kirche an, damit die Aspekte von Herrschaft und Macht nicht mit einer Religion und Überzeugung verschmelzen. Politik und die damit verbundende staatliche Macht begründen durch die Verbindung und Gleichsetzung mit einer Religion oder Weltanschauung immer Herrschaft. Diese Herrschaft ist nicht mehr frei, da sie sich auf eine bestimmte Religion oder Weltanschauung beruft. Folglich wird die Politik nicht mehr frei sein und ebensowenig der Staat.

Ein klassischer Vorwurf, welcher gegenüber der Laizität immer gemacht wird, wendet sich nun in sein Gegenteil. Es ist gerade kein Zweck oder Mittel von liberaler Laizität, dass sie sich zu einer Herschaftsideologie erhebt und gemeinsame Sache mit einem religionsfeindlichen und aggressiven Atheismus macht, oder gar eine bestimmte wissenschaftliche Weltsicht zum Alleinseligmachenden erhebt. Mit Bestimmtheit und in Demut vor einem absoluten Urteil betont eine liberale Laizität ihren Zweck der Religions- und Weltanschauungfreiheit. Dieser gründet sich auf dem Prinzip der Pluralität der Überzeugungen, einem freien Kosmos der Orientierung, in welchem alle Religionen und Weltanschaungen vor dem Staat gleich sind.

Dieser Zweck der Gleichheit, welcher die Freiheit mit bedingt und umgekehrt, erweitert das liberale Prinzip um ein soziales Prinzip der Laizität. Diese ist nicht einfach ein abstraktes Prinzip, eben gerade keine Ideologie, sondern ein politisches Modell und Programm, um den soziopolitischen Raum zu gestalten. Deshalb mag die Laizität vielleicht ihren Ursprung im sozialen Wandel und der „säkularen Option“ haben, die sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert als offizielle Option westlich-pluralistischer Staaten eröffnet hat. Darüber hinaus ist sie jedoch ein gestaltendes Prinzip, welches eine zukunftsfähige Religions- und folglich Gesellschaftspolitik ermöglicht.

Das soziale Prinzip der Laizität

Das Soziale der liberalen Laizität entspricht nicht einfach einem festzustellenden Ursprung im sozialen Wandel von Gesellschaften, es ist vielmehr die Ansicht, dass der Einzelne mit und in der Gesellschaft seine Religon, Überzeugung und sein „Gewissen“ ausprägt. Damit sei nicht gesagt, dass der Einzelne bloß zwischen tradierten Religionen oder Weltanschauungen zu wählen hat. Es gibt immer ein Potenzial für Veränderung und neue Formen, jedoch um die Wahl zu haben und Wählen zu können, braucht er soziale Ressourcen.

Diese sozialen Ressourcen sind einmal eine möglichst große Teilhabe an der Vielfalt der Religionen und Überzeugungen, indem eine umfassende Bildung und Ausbildung bereitgestellt werden. Darüber hinaus bedeutet es die Bereitstellung möglichst neutraler, staatlicher Alternativen in Wissenschaft, Kunst, Kultur und nicht zuletzt der Wirtschaft. Es darf gerade nicht von der religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung abhängig sein, ob der Einzelne Zugang zu Wissen, Arbeit, Wohlstand und der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse erhält. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Weltanschauung darf idealiter in keinster Weise privilegieren oder einen Vorteil verschaffen, der aus Freiheit eine Abhängigkeit werden lässt.

In zweiter Hinsicht ist das soziale Prinzip der Laizität eine Frage der Fairness, wenn schließlich die Religionen und Weltanschauungen selbst nach möglichst gleichen Bedingungen für sich, ihre Symbole und Institutionen werben können. Vielfalt und Differenzen innerhalb des Kosmos der Überzeugungen sind deshalb mehr Chancen als eine Bedrohung für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Das soziale ist gestaltbar und folglich weder völlig vorherbestimmt noch völlig frei.

Hier hat sich Laizität als soziale Laizität immer auf die sozialen Verhältnisse zu berufen, die vorherrschen, denn es darf weder einen Zwang zu Uniformität noch zu Pluralität geben. Eine kritische und gründliche Analyse dieser Verhältnisse ist nötig. Jedoch sollte eine progressive Laizität immer wieder das Augenmerk auf die Position der Vielfalt richten, die sich schon aus der Verschiedenheit der einzelnen Menschen, wie erst aus den Systematisierungen und Institutionalisierungen von Überzeugungen, ergibt.

Laizität im Aufbruch – sozial, liberal und vielfältig

Wie schließlich diese Analyse der sozialen, religionspolitischen Verhältnisse ausfällt und welche politischen Schritte der Reform notwendig sind, ist immer eine Frage der laizistischen Regime. Hier gibt, darf und soll es verschiedene Ausprägungen der Laizität geben, da die Frage nach einer Äquidistanz und Neutralität des Staates und der politischen Akteure weder allein zweckhaft noch prinzipiell zu beantworten ist.

Moderne Laizist*innen von heute, die sich jedoch auf soziale und liberale Prinzipien berufen, da die Zwecke der Laizität positiv, konstruktiv und zukunftsträchtig erscheinen, stehen für eine Religions- und Weltanschauungspolitik, die Religionsfreiheit und Gleichheit groß schreibt. Es ist die sozialliberale Laizität, die als solche politisch aktiv werden kann und für die säkulare, multireligiöse und plurale Gesellschaft eintritt.

Laizität ohne liberales Prinzip ist nur eine Ideologie und ohne sozialen Bezug reine Spekulation.

 

 

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