Landeskirchen widersprechen Gleichstellungspolitik in der Bildung

In ihrer gemeinsamen Stellungnahme zu den beiden Petitionen und der Debatte um den neuen Bildungsplan in Baden-Württemberg, haben die beiden Landeskirchen der sexuellen Vielfalt eine Absage erteilt. Sie sehen in den Reformplänen der grün-roten Landesregierung die Gefahr einer Ideologisierung und berufen sich auf wissenschaftliche Kontroversen sowie Uneinigkeit in der Bevölkerung. Erneut geht es um die vorrangige Deutungshoheit der Kirchen bezüglich der Bildungspläne und ein Verständnis nach „Gutskirchenart“, das sich in Toleranz-Rhetorik und vermeintlicher Dialogbereitschaft niederschlägt. Es wird Zeit, dass die Politik die privilegierenden Mitspracherechte der Kirchen hinsichtlich der Bildungspläne überdenkt.

http://www.elk-wue.de/aktuell/detailansicht-pressemitteilung/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=50809&tx_ttnews%5BbackPid%5D=98&no_cache=1

Die Kirchen Betonen die Bildungsziele wie Gewaltprävention, Nachhaltigkeit und Gesundheit, möchten jedoch keine darstellende Aufklärung über die sexuelle Vielfalt, Identitätsbildung und mögliche Formen von Lebensverhältnissen. Diese sind für sie wiederum Ideologie, eine Gefahr innerhalb eines „sensiblen Bereiches“ und mit den anderen Bildungszielen nicht gleichzusetzen.

Jeder Form der Funktionalisierung, Instrumentalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität und damit verbundener persönlicher und familiärer Lebensentwürfe.

Die Kirchen verschweigen, dass es in den Bildungsplänen gerade nicht um bestimmte Funktionen oder Bewertungen der Lebensentwürfe geht, sondern um eine pädagogische Darstellung nach wissenschaftlichen Kritieren. Mit ihrem verdeckten „Ideologievorwurf“ möchten sie vor allem die eigene Ideologie verschleiern, dass sexuelle Vielfalt und alternative Lebensverhältnisse ihren „Ehe“-Vorstellungen widersprechen. Damit dies natürlich nicht als Wissenschaftsfeindlichkeit oder Dogmatismus verstanden wird, berufen sich die Kirchen auf ihr Verständnis von Wissenschaft und dort vorherrschende Kontroversen. Dies – rhetorisch geschickt – mit einem sofortigen Verweis auf Toleranz und Menschenrechte.

Was in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft kontrovers ist, muss nach Überzeugung der Kirchen auch in Bildungsprozessen kontrovers dargestellt werden: Die evangelischen Landeskirchen und die katholische Kirche in Baden-Württemberg treten für Weltoffenheit, Toleranz sowie Respekt vor jedem Menschen und seiner unantastbaren Würde ein.

Stellen die Kirchen nicht damit die sexuelle Vielfalt und alternative sexuelle Identitätsbildung in Frage, weil sie wissenschaftlich nicht völlig erklärbar und auf normative Verhältnisse zurückzuführen sind? Sie würden Wissenschaft mit Religion verwechseln, denn natürlich ist Wissenschaft kontrovers und nicht per se normativ. Folglich kann dieser indirekt eingeforderte „wissenschaftliche Standard“ gar nie erreicht werden. Alle Bildungsziele müssten damit folglich ad absurdum geführt werden, denn wissenschaftliche Erkenntnis ist immer kontingent und auf kulturelle Kontexte bezogen.

Gerade wissenschaftliche Erkenntnisse der Sozial- und Kulturwissenschaften haben in den letzten 25 Jahren viele gesellschaftliche Normen als Ideale, veränderbar und vor allem soziale Kontrukte enttarnt. Nicht zuletzt kirchliche Sexualmoral und religiöse Normen, die sich als kontextunabhängig darstellen möchten.

Die rhetorischen Phrasen rund um Toleranz und Menschenrechte sollen deshalb die Degradierung der sexuellen Aufklärung und Selbstbestimmung verschleiern, welche die Behauptung einer Wissenschaftlichkeit nach „Gutskirchenart“ nur untermauern soll. Die Kirchen sind dann für Kontroversen, wenn sie ihnen nutzen.

Statt diese Bildungsreform jedoch nur zu kritisieren, wird über einen wohlmeinenden Toleranz-Verweis, der inhaltlich unbestimmt und bloßes Bekenntnis bleibt, sogar die eigene Deutungshoheit beschworen.

In diesem Zusammenhang kommt der religiös-ethischen Bildung und Erziehung, die zur Wertschätzung von Vielfalt mit dazugehört, als Orientierungshilfe für den Einzelnen und als Dienst an der Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu: Damit treten wir für eine Bildung ein, die Kinder und Jugendliche stark macht, eine eigene Identität auszubilden und ihre Gemeinschaftsfähigkeit zu fördern.

Was ist eine „religiös-ethische“ Bildung, die hier Vorrangig jene Toleranz gegenüber menschlicher Vielfalt erst möglich macht, die eine aufklärende und darstellende Pädagogik nicht erreichen kann? Etwa der konfessionelle Religionsunterricht? Welcher Dienst an der Gesellschaft ist gemeint? Der Dienst in der Kirchengemeinde, der erst recht und als einziger „fit“ macht für die Gesellschaft?

Rhetorisch brilliant geschliffen betonen die Landeskirchen das Privileg einer religiös-ethischen Erziehung und setzen damit ihr Verständnis einer solchen mit dieser gleich. Sie vertreten eine Bildung, die vor allem den eigenen Zielen dient, wenn es darum geht religiös-christliche Wertvorstellungen und Argumentationsmuster in den Bildungsplänen zu verankern. Das Ethische dient noch wohlgefällig als Feigenblatt und soll wohl Assoziationen bedienen, dass natürlich auch andere Formen von Ethik berücksichtigt werden.

Zu guter Letzt vergessen die Kirchen nicht zu betonen, dass sie durch diese Vorrangigkeit Gesprächspartner besonderer Natur sind. Gnädig wird natürlich jedem noch eingestanden, sich eine eigene Meinung bilden zu dürfen, solange die Kirchen mit der Politik verhandeln.

Diese Position wird von den Kirchen in Baden-Württemberg in Gesprächen und Verhandlungen mit dem Kultusministerium und anderen staatlichen Stellen seit Wochen nachdrücklich vertreten. Darüber hinaus ist es jeder Bürgerin und jedem Bürger unbenommen, sich in geeigneter Weise dazu zu Wort zu melden. Dies darf allerdings nicht durch Hetzportale und diffamierende Blogeinträge geschehen.

Begrüßenswert an dieser Stellungnahme ist allein die Absage an Hetze und Diffamierung, die zum Glück in eindeutiger wenn auch oberlehrerhafter Weise von den Landeskirchen vertreten wird. Eine nüchterne und sachliche Debatte sieht anders aus und vielleicht wären die Landeskirchen trotz innerer Kontroverse zwischen liberal und fundamental Religiösen gut beraten gewesen, sich ernsthafter Debatte zu öffnen.

Stattdessen haben die Landeskirchen in Baden-Württemberg einer unsachlichen Kritik den Weg geebnet, da sie eine engagierte Gleichstellungspolitik und Aufklärung über sexuelle Vielfalt mindestens als zweitrangig betrachten. Zum Glück denken andere Landesverbände der Evangelischen Kirche Deutschland anders und sind „kontroversen Argumentationen“ gegenüber offen.

http://www.ekmd.de/aktuellpresse/nachrichten/21707.html

Die Haltung der Landeskirchen bezüglich eines Entwurfes für den neuen Bildungsplan, der die Realitäten einer säkularen, multireligiösen und pluralen Gesellschaft reflektiert, sollte auch hinsichtlich der staatlichen Finanzierung dieser religiösen Gemeinschaften zu Denken geben.  Kann es sein, dass Organisationen mit solch perfider Rhetorik sich weiterhin herausnehmen können ein privilegierter und privilegiert finanzierter Verhandlungspartner zu sein? Gerade wenn es um ethische und religiöse Orientierungsfragen geht?

Die Gegenpetition, die bei 46 verbleibenden Tagen schon fast 80.000 Unterstützer*innen zählt, beweist, dass ein  religiös-ideologischer Vorbehalt nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.

https://www.openpetition.de/petition/online/gegenpetition-zu-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens

Eine Stellungnahme der Jusos Heidelberg und des AKs in Heidelberg positioniert sich ebenso deutlich:

http://laizistenspdhd.wordpress.com/2014/01/20/stellungnahme-jusos

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