„Ohne Angst verschieden sein zu Können“ – Eine laizistische Begegnung mit Wolfgang Thierse am 29. Mai 2013 in Heidelberg

Ein Vortrag über religiöse Toleranz in unserer Gesellschaft? Wer wäre da besser geeignet als Wolfgang Thierse, Genosse, bekennender Katholik und Gegner laizistischen Gedankengutes, um auf Einladung der Hochschule für Jüdische Studien in der Alten Aula der Universität Heidelberg zu sprechen? Ich erwartete den üblichen moralfunktionalistischen Code, mit dem Thierse die Bedeutung von Religion für Staat, Politik und Gesellschaft zum Besten gibt. Jedoch war die Begegnung überraschend anders – Thierse fordert Religionsverfassungsrecht statt Staatskirchenrecht – so hätte die Überschrift zu diesem Beitrag ebenfalls lauten können.

In Realpräsenz und mit Fokus auf die religiöse Toleranz sprach Thierse gerade nicht einem funktionalistischen Ansatz von Religion nach dem Mund, die für Staat wie Gesellschaft nützlich sei, sondern betonte die Wichtigkeit von Zusammenhalt und Differenz in einem pluralen Staat. Gewiss, dass Demokratie Religion braucht und dass gerade religiöse Toleranz den „Respekt vor den Unterschieden“ besonders zu sichern vermag, oder ein besonderer Indikator ist, davon ist Thierse nach wie vor überzeugt. Ebenso, dass eine Gesellschaft einen Zusammenhalt benötigt, der gerade durch ein Mindestmaß an Homogenität und eine Integrationsfähigkeit gekennzeichnet ist, durch den R24204131_4d7439d025eligionen in besonderer Art und Weise beitragen.

Gerade in ihrem Umgang mit den Religionsgesellschaften und der Sorge wie Pflege um die Möglichkeitsbedingungen religiöser Toleranz kann eine Gesellschaft über materielle und formale Aspekte hinaus ihren Bestand sichern. Zwar konnte Thierse über diese verdeckt metaphysischen Spekulationen und ein überragendes Sammelsurium von Zitaten kaum Begründungen liefern, bewies jedoch eine große Sensibilität hinsichtlich der notwendigen Komplexität eines solchen gesellschaftlichen Diskurses um Toleranz. Immer wieder griff er auf den „säkularen Denker“ Habermas zurück, der hier, wohl anknüpfend an das Böckenförde-Diktum von den Grenzen der Selbstbegründung des Staates aus sich heraus, die Anerkennung der Beiträge religiöser Argumentation im Diskurs um Werte und Normen neu für sich entdeckt hat.

http://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/sixcms/media.php/1290/2001_habermas.pdf

Auf Nachfrage hin gibt Thierse auch zu verstehen, dass er kein Alleinstellungsmerkmal oder Monopol für Religionen behaupten möchte, die in diesem Sinne eine besondere Rolle hinsichtlich der Entwicklung wie Ausprägung von Toleranz in der Gesellschaft spielen. Andere Weltanschauungen wie Überzeugungen sind genauso gefragt und Thierse bezieht sich bei der Religionsfreiheit sowohl auf die Freiheit von als auch die Freiheit für Religion. Natürlich hat er für die Beiträge humanistischer, agnostischer wie atheistischer Lesart keine Argumente, schließt diese jedoch nicht aus und zeigt durch seinen Rückgriff auf moderne philosophische Modelle, dass er Toleranz keinesfalls als einfachen, phänomenalen Wert betrachtet.

Unter Rückgriff auf Prof. Rainer Forst bezieht sich Thierse auf ein mehrdeutiges Toleranzmodell, das Toleranz als duldende Erlaubnis, als gegenseitige Koexistenz sowie Respekt einer wechselseitigen Anerkennung bis hin zur Wertschätzung des Anderen fasst. Alle vier Formen können auftreten, für eine Demokratie wie die Unsrige, sei aber die Toleranz des Respektes von besonderer Bedeutung. Es darf nicht bei einer asymetrischen Erlaubnis stehenbleiben, wenn religiöse Toleranz und Toleranz gegenüber Religionen nur das duldende, erhabene Erlauben der jeweils anderen Überzeugung bedeutet. Hier fragt sich natürlich der Laizist, wie Thierse eine de facto Privilegierung bestimmter Religionsgesellschaften in Deutschland nicht als eine solche auffasst? Doch hierzu später.

http://www.wzb.eu/sites/default/files/veranstaltungen/forst-paper.pdf

Selbst die Toleranz einer Koexistenz, die ein Gleichgewicht der Kräfte bedeutet, ist für Thierse nicht ausschlaggebend, denn es braucht in einer Gesellschaft der „Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit“ viel mehr eine wechselseitige Anerkennung und respektvolle Toleranz. Erst diese kann schließlich die Höchstform der Toleranz ermöglichen, wenn die andere Überzeugung als solche wertgeschätzt und trotzdem nicht ihrer Andersartigkeit beraubt wird. Für unsere Demokratie ist deshalb die religiöse Toleranz eine Anstrengung und Aufgabe, da erst durch sie eine Erfüllung jenen Respekts gegeben sein kann, der die Stärke der Demokratie und ihre Widerstandskraft gegen alle Spaltungserscheinungen möglich macht. Weshalb jedoch religiöse Toleranz? Ist dies nicht ein Beispiel wie viele andere auch? Warum scheut sich Thierse davor, einfach von Überzeugungen zu sprechen? Möchte er keine begriffliche Gleichrangigkeit herstellen, da Religion für ihn doch erhaben scheint?

Trotz Differenz und Diskurs gleitet Thierse wieder in eine Form der politischen Dogmatik ab, wenn er auf die Frage, ob Religion nicht der Demokratie bedarf, eine Asymetrie behauptet. Religionen sollen weiterhin, dies nicht nur aus Überzeugung heraus, das Selbstbestimmungsrecht haben sich selbst eigene Strukturen zu geben, die durchaus nicht demokratisch sein müssen. Mit dem Vergleich von Wissenschaft und Kunst, die als besondere Gesellschaftsbereiche auch nicht durchweg demokratisch organisiert sind, möchte Thierse Kritik an undemokratischen Organisationsformen wie der Katholischen Kirche aus dem Weg gehen. Weshalb ist Demokratie auf der einen Seite Teil der Lösung und auf der anderen Seite Teil des Problems? Gibt es verschiedene Ordnungen von Demokratie, eine Demokratie erster Ordnung, die gesellschaftliches Prinzip sein soll und eine Demokratie zweiter Ordnung, der in bezug auf Religionen andere Strukturprinzipien überlegen sein können?

Pragmatisch mag dies richtig sein, denn natürlich ist Demokratie weder ein absolutes noch ein universal durchgreifendes Strukturprinzip. Es gibt immer noch Hierarchie, Macht und Ungleichheit, deren Entwicklung wie Überwindung gerade auch der Eigenorganisation der verschiedenen Gesellschaftsbereiche zugrunde liegen mag. Allerdings hier den Raum für berechtigte Kritik auch und gerade an undemokratisch organisierten Religionen immunisieren zu wollen, steht Thierse weder gut an, noch in dem Sinne unbefangen zu. Thierse ist befangen, was sich vor allem anhand seiner biografischen Erfahrungen mit einer wissenschaftlichen Säkularität erklären lässt, die sich in der DDR zur staatstragenden Weltanschauung erhoben hatte.

Gerade deshalb ist für ihn die Offenheit zum Dialog und die Weltgewandheit von Religionsgemeinschaften deren Aufgabe, die sie zum Schutz vor Gewalt, Fundamentalismus und Missbrauch sehr ernst nehmen sollten. Religion braucht Freiheit für ihre Entfaltung und ein lebendiger Pluralismus einer freiheitlichen Gesellschaft wohl ebenso den mitunter abgeschlosseneren Bereich der Religionen, wenn Toleranz zu einer Dimension der Gerechtigkeit werden kann. Ob aus einem solchen Dialog in der Gesellschaft gleich ein partnerschaftliches Verhältnis werden soll? Ob es sich hieraus positiv begründen lässt? Hier bleibt der Laizist skeptisch. Denn es darf nicht dazu führen, dass ein einseitiges und unkritisches Verhältnis entsteht. Eine starke Neutralität des Staates braucht vielmehr eine klare laizistische Politik, die eben nicht einen staatlichen Religionsunterricht bestimmter Religionsgemeinschaften als Gesinnungsunterricht befördert. Der Staat sollte vielmehr darauf achten, dass er Vertrauen in die Eigenständigkeit der Religionen zeigt, anstatt ihre Kirchen von staatlicher Förderung abhängig zu machen und Strukturbedingungen zu privilegieren, die sich von traditionellen, kirchensoziologischen Denkmustern in Verwaltung wie Justiz ableiten lassen.

Hier ist es erfrischend zu vernehmen, dass auch ein Wolfgang Thierse den Übergang vom Staatskrichenrecht zu einem Religionsverfassungsrecht fordert. In dem Sinne fast schon laizistische Positionen vertreten werden.  Weshalb es allerdings nicht ein Weltanschauungs- wie Überzeugungsrecht denkbar ist, muss erst noch der zukünftige Diskurs zeigen. Schließlich ist ein Alleinstellungsmerkmal von Religionen in der Gesellschaft nicht einmal mehr mit Wolfgang Thierse zu halten, wenn es darum geht „ohne Angst verschieden sein zu Können“.

Als Laizist ist es nicht möglich Thierse in allem zu folgen, wenn er Neutralität von Staat und Religion als Partnerschaft und nicht als Trennung in gegenseitigem Respekt einfordert, jedoch gut zu sehen, dass er nicht einfach ein Überzeugungstäter ist. In diesem Sinne, „von Zeit zu Zeit seh‘ ich den Alten gern und hüte mich mit ihm zu brechen. Es ist gar schön von einem solch‘ hohen Herrn, so offen auch den Laizisten anzusprechen.“ (Frei nach Goethes Faust, Prolog im Himmel)

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