Wer’s glaubt, wird Thierse!? – Oder warum mit Glauben kein Staat zu machen ist

In einem aktuellen ZEIT-Interview betont der Vizepräsident des Deutschen Bundestages und Sprecher der Christinnen und Christen in der SPD, Wolfgang Thierse, dass „ohne Glauben kein Staat zu machen sei“. Hierbei ergreift er wieder einmal Partei für eine moralisch-staatstragende Funktionalität, die er Religionen zuschreibt. Diese erst halten gegenüber säkularen oder laizistischen Staatsmodellen orientierende Werte bereit, welche „die Politik von Erlösungserwartungen entlasten“.

Religionen als solche Wertstoffhöfe „sind unersetzlich“, denn ein Säkularer Staat kann die übergeordneten Werte wie Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit weder als solche verhandeln noch diese lebendig vermitteln. Erst Religionen befassen sich mit dem, „was wichtig ist im Leben und was weniger wichtig.“  Für Thierse ermöglichen sie erst über Sprache, Verfassung, soziale Beziehungen, Arbeit und Märkte hinaus jene Vorstellungen, die für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen.

Thierse beschreibt damit die Religion zur eigenen Voraussetzung ihrer Voraussetzungshaftigkeit, da erst durch sie jene gesellschaftlichen Verhältnisse wie Solidarität und Freiheit zum Zuge kommen, die sie wiederum bedingen. Selbst wenn einer solch kryptotheologischen Voraussetzungsbeziehung noch nach dem Munde geredet werden kann, zeigt sich spätestens bei seinen Einlassungen über das Grundgesetz, dass er über eigene Ansichten der Staatsordnung als „ausgleichendes Regelwerk“ hinausgeht.

„Das Grundgesetz wurde von Menschen gemacht, die in ihrer großen Mehrheit religiös geprägt waren. Es hat eine christliche Vorgeschichte. In ihm ist Religiosität anwesend, aber so, dass Andersgläubige nicht ausgeschlossen werden.“

Für den streitbaren Katholiken werden historisch bedingte Sozialisationen zu religiösen Prägungen, die bei allen Müttern wie Vätern des Grundgesetzes gleichermaßen Geltung gefunden haben sollen. Ob das auch für die kommunistischen Vertreter galt? Hinzu nicht irgendeine religiöse oder diffuse Prägung, sondern eine klar christliche, die als „Vorgeschichte“ vielleicht sogar jene Ursache gewesen ist, die zu dieser Staatsordnung führte? Es gilt die christozentrische Gleichmacherei, die eine Religiosität als mentale Tatsache ansieht, diese mit möglicher Sozialisation in christlich dominierten Milieus gleichsetzt und zudem noch als Ideengeschichte kausal konzipiert.

Eine solche Verreinnahmung des Grundgesetzes als kulturelle Ableitung von christlicher Geistesgeschichte kann die Auseinandersetzungen mit atheistisch-agnostischen Positionen bloß noch als Geplänkel abtun. Die Tradition der Aufklärung wird zur reinen Bewährungsprobe für einen selbstverständlichen wie selbstreferentiellen christlichen Glauben, der als Religion gar der geheime Schöpfer des Grundgesetzes gewesen sein soll. Erst auf dieser ideologischen Basis kann es schließlich vermittelnd die Spielregeln gesellschaftlichen Zusammenlebens garantieren, die wiederum keine weltanschauliche Gefolgschaft einfordern.

An diesen Stellen wird der sozialfunktionale Blick auf Religion überfordert, diese fast schon substantiell zur Voraussetzung einer Gesellschaft gemacht, deren Wertefundament für Thierse gerade nicht auf einem säkularen Modell allein ruhen kann. Mehr noch, gerade der säkulare Staat fordert ein religiöses Bedürfnis heraus, das Mittel wie Zweck für Solidarität darstellt. Menschen mit einer entsprechenden Einstellung werden in der pluralistischen, heterogenen Gesellschaft deshalb geschätzt und stehen als lebendige Akteure einer sonst unabdingbaren Konzentration auf Einzelinteressen entgegen.

Es verwundert nicht, dass zugleich alternative Konzepte kulturwissenschaftlichen Unterrichtes über Religionen genau jener kausal-moralischen Prämisse entbehren, welche die Religionsgemeinschaften verkörpern, die durch diese Verkörperung allein schon „so unendlich viel für unsere Gesellschaft leisten.“ Die Möglichkeiten einer bekenntnisfreien Vermittlung von Wissen über Religionen werden den negativen Auswirkungen für die Religionsgemeinschaften untergeordnet. Oder gar deren Interessen?

Das angebliche Streitgespräch mit Thierse verdeutlicht die Widersprüche, in die sich Herr Thierse verstrickt: 1) Er postuliert Religionen als Voraussetzungen für Wertebegründungen, aus diesen jene wiederum ihre Legitimation enthalten, 2) führt die Staatsordnung auf christliche Prägungen und religiöse Sozialisationen zurück sowie 3) stellt Alternativen und säkulare Konzepte als moralisch mangelhaft oder höchstens moderierend dar.

Natürlich, ein aufgeklärter Laizismus würde in einem säkularen Staat, der seine Werte absolut und ohne Diskussionen mit Weltanchauungsgemeinschaften durchsetzen möchte, ebenso keine Alternative sehen. Herr Thierse liegt richtig, wenn er die Trennung von Staat und Religion sowie Politik und Religion nicht an Personen festmacht oder sich gegen die Ausgrenzung von Religiösen aus der Politik ausspricht. Im Bereich des Politischen spielen diese wie auch ihre Organisationen eine Rolle und können zu einer lebendigen wie kritischen Wertekultur beitragen.

Jedoch eine Grundgesetz- oder Wertekultur auf den Voraussetzungen ihrer Teilnahme oder gar ihrer lebendigen Existenz zu begründen, die damit der pluralistischen Gesellschaft erst ihre solidarische Legitimation verleihen soll, ist ein kryptotheologisches Dogma. Herr Thierse verschleiert nicht, dass er „bekennender Katholik“ ist, sondern gibt ebenso einen Einblick in deren Vorstellungen, wenn es um Staat, Gesellschaft und das Grundgesetz  geht.

Die Religionsfreiheit ist gerade  mehr als eine Freiheit der Religion und schon gar nicht das Produkt einer historisch bestimmten Religion. Ein demokratischer und pluralistischer Staat kann vielmehr ebenso als Voraussetzung für solch ein Verständnis von und für Religionen begriffen werden, die sich als Partner in einen Werte- wie Grundgesetzdialog einschalten. Das ist weder dezidiert religiös noch christlich, da ein säkularer Staat gerade in der Trennung sowie Neutralität jene moderierenden Fähigkeiten entfalten kann. Im Prinzip argumentiert Thierse ohne es zu merken auch für eine Möglichkeit von Laizität, die sich von Bekenntnisformeln ideologischer Natur abhebt und gerade die soziale Debatte nicht als Stellvertreterdebatte religiöser Akteure ansieht.

Hier hat ein politischer Laizismus klar die Eigenständigkeit des Grundgesetzes von „religiösen Prägungen“ zu betonen und zu verdeutlichen, dass die Geschichte von Aufklärung, Staatsordnung und damit die klare, bekenntnisfreie Alternative nicht bloß kryptische Religionsgeschichte verkörpert. Dies tut sie bloß dem Bekenntnis von Herrn Thierse nach, an das er gerne glauben mag, aber aus diesem Glauben heraus noch lange kein Staat zu machen ist.

Quelle: „Ohne Glauben ist kein Staat zu machen“, DIE ZEIT, Nr.49, 29. Nov 2012, S.68.

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5 Kommentare

  1. Ich frage mich oft, weshalb Thierse (und andere tief-religiöse Genossen) eigentlich in der SPD sind, in der Partei August Bebels, der im Bezug auf Religion und Toleranz eine eindeutige und Nachvollziehbare Meinung hatte. Ich möchte nachfolgend aus einer Rede Bebels zitieren, die er am 5. Mai 1902 vor dem Reichstag bzgl. eines Toleranzgesetzes hielt. Die nachfolgenden Passagen zeigen sehr deutlich die krassen Differenzen im Bezug auf Religion und Toleranz, die sich zwischen alter Sozialdemokratie und ›moderner‹ Kirchen-Sozialdemokratie (wie sie Thierse vertritt) auftun:

    • »Der Antrag, wie er anfangs vorlag, entspricht genau unserem programmatischen Standpunkt, der dahin lautet: Erklärung der Religion zur Privatsache, Abschaffung aller Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln zu kirchlichen und religiösen Zwecken. Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als private Vereinigungen zu betrachten, welche ihre Angelegenheiten vollkommen selbstständig ordnen. […] Wir befassen uns hier mit einem Toleranzgesetz, und ein Toleranzgesetz soll jeden Zwang in Bezug auf das religiöse Bekenntnis aus der Welt schaffen, soweit es in den gegebenen staatlichen Zuständen möglich ist. Wir stellen also unseren Antrag nicht aus Religionsfeindschaft, sondern aus /Toleranz/, damit die möglichst volle und freie Religionsausübung möglich ist, die wir durch den Gesetzentwurf nicht in auskömmlichen Maße für gesichert erachten [Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten]«

    • »Es war mir ganz angenehm, aus den Worten des Herrn Vorredners, des Herrn Grafen v. Bernstorff [Uelzen] zu hören, der Staat stehe keineswegs mehr in allen Punkten auf dem Standpunkte des Christentums. Ich stimme dem nicht nur zu, ich gehe weiter und sage: der heutige Staat ist überhaupt kein christlicher Staat. [Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.] Der Staat konnte in früheren Jahrhunderten, im Mittelalter, als er mit dem Christentum völlig verquickt war, als christlicher Staat angesehen werden, aber der heutige Staat ist kein christlicher Staat mehr. Es ist ein /paritätischer/ Staat, der die Staatsangehörigkeit nicht abhängig macht von irgendeinem religiösen Glaubensbekenntnis, so wenig wie von irgend einem politischen. Prinzipiell steht der moderne Staat auf dem Standpunkte, dass er jeden nach seiner Façon selig werden lässt. Glaube, was du willst, bezahle, was du sollst – das ist, praktisch ausgedrückt, das Glaubensbekenntnis des bürgerlichen Staates.«

    • »Meine Herren, man kann doch billigerweise nicht mehr verlangen, als dass jeder, der eine bestimmte religiöse Überzeugung hat, die möglichste Freiheit besitze, diese in den ihm genehmen Formen betätigen zu können. Das geschieht, wenn wir der Religionsfreiheit die möglichste Uneingeschränktheit, den religiösen Gesellschaften die Möglichkeit geben, sich in den Formen zu vereinigen und ihren religiösen Übungen nachzukommen, unter denen sie das für das zweckmäßigste erachten: also Stellung der Religion auf dieselbe Stufe wie alle übrigen Vereine und Genossenschaften, einerlei, welchen Zweck sie verfolgen. Gründen Sie Ihre Kirchen, gründen Sie Ihre Klöster, machen sie, was Sie wollen, veranlassen Sie die gläubigen Eltern, dass sie ihre Kinder in Ihren Religionsunterricht schicken. Dagegen haben wir nichts einzuwenden; aber der bürgerliche Staat, der seiner Natur nach kein christlicher Staat ist, der keinem bestimmten Glaubensbekenntnis angehört, darf infolge dessen auch keinem Glaubensbekenntnis durch seine Einrichtungen in irgendeiner Weise Rechnung tragen. [Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.]«

    • »Nun sagt man: ja, was soll dann da aus der Moral werden? Man hat nach dieser Richtung namentlich die Ausführung meines Parteigenossen Kunert, insbesondere durch den Herrn Abgeordneten Hieber, lebhaft angegriffen. Meine Herren, der Herr Abgeordnete Kunert hat nach meiner Auffassung durchaus Recht. […] [W]enn man glaubt, dass die Moral mit der Religion absolut verbunden ist, Moral ohne Religion undenkbar sei, so ist dies durchaus falsch und irrig. [Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.] Die Moral kann sehr wohl ohne Religion gedacht werden, womit nicht gesagt ist, dass die Religion oder die Religionssysteme nicht auch Moralsätze, und zwar sehr anzuerkennende Moralsätze, so das Christentum, enthielten.
    Meine Herren, die Religion behandelt ihrem Wesen nach das Verhältnis der Menschen zu übersinnlichen Erscheinungen und Wesen. Die Moral behandelt die Beziehungen der Menschen unter sich in Staat, Gesellschaft und Familie. [Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.]
    Ich kann mir also sehr wohl vorstellen, dass es Menschen von großer Moral, aber ohne Religion gibt; und ich kenne auch solche Menschen, die auf einem durchaus antireligiösen Standpunkt stehen, aber aufs strengste die Grundsätze und Anschauungen der Moral vertreten und zur Wahrheit zu machen suchen, um das Zusammenleben der Menschen auf der höchsten Stufe des Wohlbefindens und möglichster Vollkommenheit herbeizuführen. Wäre es richtig, dass die Moral nicht ohne Verbindung mit Religion und infolge dessen nur in einem religiösen Staatswesen zu denken wäre, dann müsste es auch richtig sein, dass diejenigen Staaten, die die Trennung des Staates von den Religionsgemeinschaften durchgeführt haben, […] nicht nur unchristlich, sondern auch /unsittlich/ seien. [Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.] Und umgekehrt müssten diejenigen Staaten, in denen die Religionsgesellschaften zeitweilig oder überhaupt der maßgebendste Faktor für die ganze staatliche Gesetzgebung sind, an Moral den erwähnten Staaten in höchstem Grade /überlegen sein/. [Sehr richtig! links.] Ich bitte Sie, sich einmal zu fragen, ob z.B. die moralischen Anschauungen und Zustände im ehemaligen Kirchenstaat oder im heutigen Spanien, Italien oder Österreich höher stehen und bessere sind als in Deutschland, in dem im Allgemeinen der Einfluss der Kirchen nicht in dem Maße vorhanden ist wie in den genannten Staaten.«

    Antwort
  2. Michael Brandt

     /  Dezember 12, 2012

    Es war schon vom Inhalt her unerträglich, Thierses religiöses Geschwafel zu lesen. Und das von einem der höchsten Repräsentanten des Staates….Religion ist Privatsache!
    Aber dieser Artikel zum Interview setzt dem noch die Krone auf: solch ein Geschwurbel ist doch in keiner Weise geeignet, Thierses Thesen zu besprechen und zu kritisieren, denn es erschliesst sich überhaupt nicht, welche Aussagen getroffen werden sollen. Wie lange muss man Geisteswissenschaften studiert haben, um so wenig geradeaus zu schreiben.

    Antwort
    • kardinalrichelieu

       /  Dezember 12, 2012

      Es ist schwer ersichtlich, was für Aussagen mit einfachen Polemiken wie „Geschwafel“ und „Geschwurbel“ getroffen werden sollen, ohne
      dies am Text zu belegen oder eine Position zu beanspruchen. Das ist weder „geradeheraus“ noch konstruktiv, sondern schlicht
      und einfach eine sehr diffamierende Meinung.

      Im Mindesten dieser Absatz fasst die Kritik an Thierse deutlich zusammen:
      „Das angebliche Streitgespräch mit Thierse verdeutlicht die Widersprüche, in die sich Herr Thierse verstrickt: 1) Er postuliert Religionen als Voraussetzungen für Wertebegründungen, aus diesen jene wiederum ihre Legitimation enthalten, 2) führt die Staatsordnung auf christliche Prägungen und religiöse Sozialisationen zurück sowie 3) stellt Alternativen und säkulare Konzepte als moralisch mangelhaft oder höchstens moderierend dar.“

      Religion wird zum Maßstab für Werte, die Staatsordnung auf diese zurückgeführt und Alternativen werden in Abrede gestellt. Es bleibt höchstens noch die Empfehlung ein paar Semester Kulturwissenschaften zu studieren. Zur Schulung der eigenen Argumentation. Im Übrigen sind Artikel und Beiträge von Dritten bei uns willkommen, siehe auch das üppige Bebel-Zitat. Es erspart eine Überbeanspruchung der Kommentarfunktion.

      Antwort
  3. Michael Brandt

     /  Dezember 13, 2012

    Tja, schöne Zusammenfassung dessen, was eigentlich ausgesagt werden sollte. Warum nicht gleich so? „Geschwafel“ und „Geschwurbel“ ist keine Polemik, das ist eine Wertung, meine Meinung! Und ich schrieb „geradeaus“ und nicht das antiquierte „geradeheraus“! Das ist der Unterschied: Kantig auf den Punkt und geradeaus oder verquast um die Ecke, da bleibt die Argumentation auf der Strecke. Thema „Geisteswissenschaften“ oder wie ich auch besser finde Kulturwissenschaften: habe ich mir ein paar Semester gegeben und wegen oben beschriebener Problematik zum Glück schnell an den Nagel gehängt und im wirklichen Leben etwas geschafft. Klartext kommt weiter….

    P.S.: Ein Pseudonym finde ich ein No-Go…oder wirst Du verfolgt, lieber Kardinal? Wir sind hier in Deutschland. Meinungsfreiheit, aber auch Verantwortung!

    Antwort
  1. Blasphemie – Mit Recht? « Omnium Gatherum

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